Samstag, 14. Oktober 2017

renates geister geistern gratis


Bis 18. Oktober 2017 
geistern renates geister
GRATIS

Die Autorin hat ihre Gespenster zusammengerufen und lässt sie in dieser Storysammlung herumgeistern. Als Experten für Sehnsucht, Grusel, Glück und Traurigkeit tummeln sich in den Geschichten Trolle, Feen, Elfen, Eismonster, Wiedergeborene, Tanzgeister und merkwürdig blinkende Wesen mit magischen Fähigkeiten. Sie spuken auf dem Tanzboden, am Lavastrand, auf dem Marktplatz, in eisigen Gebirgshöhlen, im Kloster jenseits des Felsentores und natürlich um Mitternacht bei Vollmond auf dem Gottesacker. 

11 Kurzgeschichten:

Totenschlucht 
Eispalast 
Das weiße Flackern
Lisa am See 
La Grande Chartreuse
Fliegen
Hammamunga
Nachtvogel
Trollbusters
Ausweg
Sandmann

14. Oktober 2017


Samstag, 7. Oktober 2017

Dienstag, 19. September 2017

Deutscher Herbst 1977

TV-Protokoll  

17. Oktober 1977

17.00 Uhr Nachrichten
Neues Ultimatum der Entführer: Erfüllung der Forderungen, sonst fliegt die Maschine mit 86 Menschen in die Luft.
18. Oktober 1977

6.00 Uhr Nachrichten
Die Spezialeinheit GSG 9 hat sie überwältigt, alle Geiseln sind gerettet, die Entführer tot.

8.00 Uhr Nachrichten
Handstreich einer Eliteeinheit des Bundesgrenzschutzes. Die befreiten Passagiere und Besatzungsmitglieder sind auf dem Flug von Mogadischu in die BRD, auch die Leiche von Jürgen Schumann, auch die Anti-Terror-Gruppe ist dabei, auch Wischnewski.
Appell an die Entführer: Schleyer freilassen.

9.00 Uhr Nachrichten
Baader und Ensslin hätten Selbstmord begangen, Jan Carl Raspe sei in einem Notarztwagen mit Polizeibegleitung abtransportiert worden.

13.00 Uhr Tagesschau
Alle freuen sich: ein Sieg wird gefeiert!
Ein denkwürdiger Tag

ARD
Bitte lassen sie ihr Gerät eingeschaltet.Wir übertragen gegen 14.00 Uhr die Ankunft der Lufthansa-Maschinen aus Somalia.
Die Maschine 707 ist gelandet, sie kommen heraus, zwei hübsche junge Mädchen lachen miteinander, ein Mann trägt ein Kind, manche haben Decken umgehängt, manche haben fettige Haare, manche sind noch braun von Mallorca. Viele tragen Sommersachen, dabei sind 8-10° in Frankfurt.
Bitte bleiben sie am Fernsehgerät, wir erwarten um 15.20 Uhr eine Pressekonferenz aus Stuttgart-Stammheim...
Wir übertragen um 15 Uhr eine Pressekonferenz aus Stuttgart...
Fernsehen total, aber...
Die Passagiere sind in eine Halle gekommen, wo sie eine Feierstunde bekommen. Sie sitzen da und gucken unglücklich. Die junge Dame mit der Verletzung am Bein wurde auf einer Trage hereingebracht. Darauf wollte sie aber nicht bleiben. Nun sitzt sie auf einem Stuhl wie die anderen auch. Der Kommentator sagt, dass zu Beginn der Feierstunde Musik von Bach und zum Schluss das Deutschlandlied gespielt wird.
Jetzt kommt die Maschine mit den Männern der GSG 9 auf den Flughafen Köln-Bonn. Wischnewski kommt raus. Dann kommen die Männer, "fast ein bißchen touristisch angezogen", meint der Reporter.
Ansprache von Mayhofer.
Das deutsche Fernsehen macht sich an Wischnewski ran. Es sind immer Leute vor der Kamera. Lueg: "Jupp, geh doch ein bißchen zur Seite."
Hans-Martin Schleyer ist tot. Wir haben unser Programm geändert.
Leichen über Leichen: Leichen im Kofferraum, Leichen auf einer Rutsche aus dem Flugzeug, Leichen auf der Straße, Leichen im Flugzeug, Leichen im Gefängnis......wo bleibt die Pressekonferenz aus Stuttgart...

20.Oktober 1977

TERRORISTEN"Man soll sie auf dem Marktplatz aufhängen und verwesen lassen, damit alle es sehen!"
LUFTPIRATEN
FREIPRESSEN
Aus nächster Nähe in den Kopf geschossen!
Anarcho-Gruppe
Rote Armee Fraktion RAF
Kommando Siegfried Hausner
Großfahndung
Anschläge
Konspirative Unterschlüpfe

1. November 1977

Bilder im "Stern" von den Toten in Mogadischu.
Zwei Tote liegen im Sand neben dem Flugzeugrad, ein Mann in Jeans, den Reißverschluß halb runter, er hat Sand auf der Brust, die rechte Hand ist blutig, die linke Hand liegt an den Haaren des toten Mädchens, es sieht hübsch aus, ist an der Nase und am Mund voller Blut, die Hose geöffnet und das Hemd mit Che-Guevara-Bild vorne drauf ist hochgeschoben.

©Renate Hupfeld / Herbst 1977

Dienstag, 15. August 2017

Lass mich deine Schimpansin sein

Hauptbahnhof Gleis fünf. Freitag Nachmittag. Trotz starker Schneefälle fährt der Regionalexpress pünktlich ein. Ich finde einen Fensterplatz in Fahrtrichtung. Den Trolley verstaue ich im Gepäckfach. Vor mir auf dem Tischchen liegt mein Buch. Während der Fahrt werde ich mich auf das Wochenend-Seminar vorbereiten. Franz Kafka. Neue Lesarten.

Winterlandschaft fliegt vorbei. Schneeflocken tanzen. Dächer weißgepudert. Wäldchen mit blätterlosen Bäumen. Blasse Sonne will sich durch das Himmelsgrau kämpfen. Grüner Kirchturm. Schneeberge mit sanft gewellten Konturen. Kleiner Bahnhof.

An der Rezeption gibt es einen Schlüssel für Zimmer 406 im Gästehaus. Man kommt nur mit einem Zahlencode in das Haus. In einem Informations-Faltblatt ist er angegeben. Acht sieben vier drei. Das kann ich mir merken. Ich krieg noch ein Stück Klebeband. Rosie Feldmann, steht drauf. Ich hefte den Streifen gleich an meinen Pulli. Dann gehe ich ungefähr fünfzig Meter bergab durch den Park. Mein Trolley rumpelt hinter mir über den gepflasterten, schneegeräumten Weg. Das Zimmer liegt im Parterre. Erst einmal ziehe ich die Vorhänge zur Seite. Vor meinem Fenster heißt mich das winterliche Traumland willkommen.
Ich lege mich mit meinem Buch auf das Bett und lese noch eine Geschichte. Ein undefiniertes Tier hat einen Bau eingerichtet. Endlose Gänge, fünfzig Schlafplätze und einHauptplatz für die Lagerung von Vorräten. Das Schönste sei die Stille, doch die sei trügerisch. Bedrohung durch unsichtbare Feinde.

Nach dem Abendessen treffen sich die Teilnehmer des Seminars im Raum dreizehn. Vorstellungsrunde. Referent Doktor Weinmann erläutert das Thema für heute Abend. Die Assimilation des Affen Rotpeter.
„Rotpeter wird von einer Jagdexpedition der Firma Hagenbeck an der Goldküste eingefangen und in eine Kiste gesteckt. Damit beginnt die Assimilation.“

Mein Gegenüber rutscht auf seinem Stuhl hin und her. Er will unbedingt etwas sagen und schnippst mit den Fingern. Rüdiger Baum, sagt der Klebestreifen an seinem Jackett.
„Rotpeter hat keinen Ausweg. Muss ihn sich aber verschaffen.“
Hat keinen Ausweg, muss ihn sich aber verschaffen. Herrlich. Rüdiger hält sein aufgeschlagenes Buch in die Runde und liest eine gute Viertelstunde lang aus Rotpeters Bericht für eine Akademie. Er spricht schnell, laut, irgendwie erregt.
Ein Räuspern rechts von mir. Eine Teilnehmerin hat sich zu Wort gemeldet. Es ist die junge Frau mit der hübsch angeordneten Langhaarfrisur. Nach ihrem zweiten Räuspern wird es mucksmäuschenstill im Raum. Mit samtiger Stimme redet sie.
„Welche Bedeutung hat die Schnapsflasche ...“
Gewichtige Worte. Schnapsflasche. Gut, der Gedanke. Jetzt wird es interessant.
„... für die Assimilation Rotpeters?“
Aha. Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Ganz neue Lesart. Schnapsflasche und Assimilation, das muss ich mal auf mich wirken lassen. Jetzt schnippst Rüdiger schon wieder mit den Fingern.
„Schnapsflasche ...“, sagt er, „... ist doch nur in Verbindung mit Kultur möglich. Und Kultur nur in Verbindung mit reinem Affentum.“
Reines Affentum. Ich bin nur noch begeistert. Die anderen Teilnehmer lauschen andächtig. Schon fährt Rüdiger fort.
„Ohne Affentum keine Kultur und ohne Kultur keine Schnapsflasche.“
Wie Sahne dieser Satz. Schreib ich mir sofort auf. Unerschöpfliches Feld für die Literaturforschung. Immer wieder schafft sie neue Rätsel. Weiter, Rüdiger.
„Aber warum, frage ich mich, kann Rotpeter nicht auf sein äffisches Vorleben zurückblicken?“
Äffisches Vorleben. Rüdiger wird mir immer sympathischer. Seine Haare rechts und links des Mittelscheitels scheinen zu vibrieren, wenn er mit gekonntem Pathos spricht. Zwei dunkle Augen blitzen in die Runde. Die oberen Hemdenknöpfe sind aufgesprungen und vor Aufregung kratzt er sich in seinen Brusthaaren.
„Und warum muss er sich in die Büsche schlagen? Das müssen wir uns doch alle fragen.“
Einfach faszinierend. Komm, Rüdiger, du musst dich nicht in die Büsche schlagen. Klopf auf den Busch. Seine Unterlippe bewegt sich erneut. Wie tief er sie herunterzieht.
„Das Affentum Rotpeters wird uns wohl ein Rätsel bleiben. Über die Folgen der Assimilation müssen wir nachdenken. Zeigt sich doch hier die Dekadenz von Zivilisation.“

Das ist es. Rüdiger hat es auf den Punkt gebracht. Dekadenz von Zivilisation. Auch Weinmann scheint begeistert.
„Das war ein würdiges Schlusswort, meine Damen und Herren. Über den Zusammenhang von Affentum, Assimilation  und Dekadenz von Zivilisation müssen wir immer wieder neu nachdenken. Wir sehen uns Morgen nach dem Frühstück. Dann untersuchen wir einen weiteren Text.“

Die Teilnehmer sitzen immer noch ergriffen in der Runde und denken nach. Aber Rüdiger hält jetzt nichts mehr auf seinem Stuhl. Er springt auf. Fuchtelt mit seinen langen Armen herum und rennt aus dem Raum. Mit einem Satz springt er auf das Treppengeländer. Draußen wirbelt der Schnee, als er von Baum zu Baum hangelt. Dann ist er im Gästehaus verschwunden.

Später stehe ich mit dem Schlüssel in der Hand vor dem Gästehaus und komme nicht rein.  Der Türcode. Ich habe ihn vergessen. Und kein Faltblatt in der Tasche. Wird wohl auf dem Tisch in meinem Zimmer liegen. So ein Mist. Wie war er noch mal? Konzentriere dich, Rosie. Mit acht fing er an. Die zweite Zahl war eine Nachbarzahl von neun. Noch mal acht? Kann nicht sein. Keine Zahl war doppelt. Vielleicht neun. Und drei war auch drin. Ich probier es einfach. Acht neun drei vier, tippe ich in das Tastenfeld. Kein öffnendes Klick. Noch ein Versuch. Die Tür bewegt sich nicht.

Einige Fenster im Erdgeschoss sind erleuchtet. Ich gehe um das Haus herum. Vor einem Fenster bleibe ich stehen und schaue hinein. Da. Rüdiger. Auf allen Vieren kommt er aus der Dusche und springt auf eine Stuhllehne. Mit seinem langen Arm rudert er zum Tisch und greift eine Schnapsflasche. In einem Zug säuft er sie leer. Schleudert sie auf den Boden. Dann läuft er wie wild um den Tisch herum und kratzt sich das Fell.

Oh, Rüdiger. Lass mich deine Schimpansin sein. Ich könnte die Flöhe aus deinem Fell sammeln. Einen nach dem anderen würde ich zerdrücken, dass es nur so knackt. Keinen würde ich übersehen.

Was ist das? Er springt auf mich zu. Ist er jetzt wütend? Was will er? Er muss mich gesehen haben. Gleich wird er herausspringen.

Es ist dunkel im Park. Rüdiger war nicht wütend. Er kommt jetzt raus zu mir. Komm, deine kleine Schimpansin wartet auf dich. Wieso ist denn alles so voller Schnee? Schön weich, der Schnee. Und still ist es hier. Überall Schlafplätze. Wir nehmen den unter dem niedrigen Baum. Da können wir das ganze Schneefeld überblicken und sind sicher vor Feinden. Der Platz ist groß genug für uns zwei. Komm schon, Rüdiger. Du bist ein freier Affe. Hast du gehört? Fenster auf und raus aus der Kiste. Aber ich hab doch gerade ein Geräusch gehört. Sitzt du auf dem Baum? Soll ich hochkommen? Ach du, lass das Spielchen. Ich hab dich längst gesehen da oben. Komm runter. Wir kugeln uns im Schnee den Abhang herunter. Richtig Spaß werden wir haben. Dann kraulst du mir das Fell und ich knacke deine Flöhe. Bist du müde? Du willst auf dem Baum schlafen? Ich bin auch müde. So müde ... im weichen Schnee...

©Renate Hupfeld 03/2003




Sonntag, 2. Juli 2017

Grenzorte

Tausendmal hatte er während all der schlaflosen Stunden von diesem Moment geträumt, Tag und Nacht das Liebeslied im Kopf: Milena, geliebte Milena. Auf der Fahrt von Prag hierher in diesen Ort an der Grenze bis zur letzten Sekunde die bange Frage. Wird es wahr werden? Wird der Zug aus Wien seine Liebste bringen? Er hatte sich schon vorgestellt, wie er unter den Aussteigenden zunächst diese kleine Frau im roten Seidenkleid, ihren lieblichen Lockenkopf und ihr unvergleichliches Lächeln entdecken würde, dann auf sie zueilen, ihr Gesicht in beide Hände nehmen, unentwegt in ihre Augen blicken, sie auf den Mund küssen, seinen Arm um sie legen, sie um das Bahnhofsgebäude herumführen, zusammen mit ihr die Gleise überqueren und Hand in Hand mit dieser geliebten Frau hinaus in das freie Feld gehen würde. 
Nun lagen sie nebeneinander auf der Spätsommerwiese, hörten aus einiger Entfernung das schwere Stampfen einer Dampflokomotive und beobachteten von ihrem Platz auf der leichten Anhöhe, wie schwarzer Rauch sich langsam in der blauen Weite auflöste.
„Hattest du eine gute Reise, Milena?“
„Ich konnte es kaum erwarten, dich wieder zu sehen, Frank.“
„Was hast du deinem Mann gesagt?“
„Er war gar nicht zu Hause.“
“Mal wieder?“
“Ernst und die Frauen, ein Kapitel für sich. Du kennst ihn doch.“
„Armer kleiner Engel, warum tut man dir das an?“
„In deiner Nähe bin ich reich, Frank.“
„Du gehörst geliebt, Milena, geliebt und behütet.“
Sein Gesicht über ihrem Gesicht, er konnte sich nicht satt sehen, so zauberhaft der Anblick. In diesen Augen versinken wie ein Kieselstein im Wasser, bis ganz tief unten in den weichen Sand auf dem Meeresgrund. So musste es bei der Mutter gewesen sein, als er ein kleiner Junge war. Aber er war ein fast vierzigjähriger Mann und Milena nicht seine Mutter. Sie war anders. Ein loderndes Feuer war diese Frau. Ihre Lippen süß wie dunkelroter Wein. Er konnte nicht aufhören sie zu küssen. Ihr gebräunter Körper bebte, als er ihr zaghaft das Kleid von der Schulter zog. Ganz nah wollte er ihr sein, eins sein mit ihr, halb wahnsinnig vor Verlangen. Ihre Hand in seinem Haar, so sanft, so unnachgiebig zärtlich, ihr Bein sich unter seinen Körper windend, dann ihr Becken, begehrend. Eng umschlungen bewegten sich ihre Körper und rollten ein Stück weit die Anhöhe hinunter bis zum Ende der Wiese. Sie stöhnte, drängte, wollte alles, wollte ihn. ‚Ich kann nicht’, hämmerte es wild in seinen Schläfen. Abrupt löste er sich aus ihrer Umarmung, setzte sich auf und vergrub den Kopf in den Händen.
„Ich kann nicht.“ Er versuchte, den quälenden Hustenreiz zu unterdrücken.
Milena war aufgesprungen und rückte ihr Kleid zurecht.
„Frank, ich möchte schreien. Wie soll ich das verstehen?“
„Verzeih mir, Milena, es ist meine Schuld.“
„Was redest du für einen Unsinn? Kein Wunder, dass du husten musst.“
Sie setzte sich neben ihn und strich mit der Hand über seinen Rücken, bis er wieder ruhig atmen konnte.
„Wovor hast du Angst?“
Vom Wiesenrand knickte er eine Kleeblume ab und drehte den Stiel in der Hand.
„Warum hab ich dich hinuntergezogen in diese Hölle?“
“Wie meinst du das?“
„Ich bin anders, Milena, fremd, bin mir ja selbst fremd. Das macht mir Angst.“
„Nein und noch mal nein, Frank. Mir bist du nicht fremd. Du bist mir so nah wie sonst niemand auf der Welt.“
„Ich weiß“, sagte er leise. „Du bist ja auch anders. Ein Schatz bist du, unvergleichlich wertvoll. Doch ich hätte dich nicht drängen sollen, hierher zu kommen.“
„Habe ich nicht selbst entschieden, diese Reise zu machen? Ich fühlte mich keineswegs von dir gedrängt. Doch vielleicht ist es meine Schuld. Bedränge ich dich zu sehr?  Macht meine Anwesenheit dich krank?“
„Milena, jetzt redest du aber Unsinn. Denk doch an unsere Wiener Tage, ein paar Wochen ist das erst her. War ich einen Moment lang krank in deiner Gegenwart?“
„Nein, dir ging es wunderbar. Tag und Nacht waren wir zusammen, sind stundenlang gelaufen. Berge, Wälder, Schatten und Sonnenschein. Wie schön das war. Kein einziges Mal hast du gehustet. Alles war so klar.“
„Ja, das war es, Milena, klar und schön.“
„Warum ist jetzt alles anders? Was ist passiert in den wenigen Wochen?“, fragte sie.
„Ich hätte Wien nicht verlassen sollen ohne dich, Milena. Warum habe ich dich nicht mitgenommen nach Prag?“
Sie legte das Kleid über die angewinkelten Beine und verschränkte die Arme vor den Knien.
„Du bist ein Träumer, Frank“, seufzte sie.
Vor seinen Augen drehte sich die Blume wie eine rote Kugel. Behutsam legte er sie auf die Wiese.
“Unsere Träume sind kalt geworden wie die Spätsommersonne“, sagte er und hatte auf eine Weise recht. Die Sonne war mit einer Wolke davongezogen. Kühle hatte sich im feuchten Gras ausgebreitet und streifte an ihren Körpern hoch. Ein Hauch von Herbst lag in der Luft, nach einem Sommer, der eigentlich der Anfang für einen neuen Frühling werden sollte.
“Es riecht nach Abschied“, sagte er traurig.
„Ich könnte heulen, Frank. Was macht uns so ratlos?“
„Der Kälte können wir nicht entfliehen.“ Er griff nach der Taschenuhr und klappte den goldenen Deckel auf.
„Warum haben wir keine Chance? Woher kommt die Kälte?“
„Woher nur?“ Er strich mit dem Daumen über das Ziffernblatt, klappte den Deckel zu und schob die Uhr zurück in die Hemdtasche. „Jedenfalls können wir nichts dagegen tun. Gehen wir zum Bahnhof. Wenn wir uns ein wenig beeilen, erreichst du noch den Abendzug nach Wien.“
Er stand auf, nahm ihre Hand und half ihr hoch. Dann gingen sie den Weg zwischen den Feldern zurück.
“Liebst du ihn, Milena?“
“Ich liebe dich, Frank.“
“Und morgen fährst du mit ihm an den Wolfgangsee.“
“Was sollte ich denn tun?“
„Ach, Milena! Du stellst Fragen.“
„Ich schreibe dir dann aus St. Gilgen.“
Schreibe mir nie mehr, wollte er sagen, schwieg aber und führte sie über die Gleise, um das Bahnhofsgebäude herum auf den Bahnsteig.


Kurzgeschichte aus: Grenzorte


Samstag, 11. März 2017

History


Hexen, Giftmischer, Rebellen, Literaten
Gratis Download
am Sonntag, den 12. März 2017


Holly und die Second



Pastor Sundermeier meint es ja gut, doch er kann mir nicht helfen. Was versteht der schon? Überlege dir gut, was du tust, Holly, hat er gesagt.
Da ist nichts mehr zu überlegen, Herr Pastor. Ich habe mir das gut überlegt und alles bestens vorbereitet. Es gibt keinen anderen Weg. Ich habe getan, was ich konnte. Immer treu zu ihm gehalten, ihm aus der Patsche geholfen, als er den Job verloren hatte, mich um den ganzen Scheiß in Haus und Garten gekümmert, geputzt, gewaschen, eingekauft, gekocht, jeden Morgen seine Sachen weggeräumt, Schuhe im Wohnzimmer eingesammelt, in den Schuhschrank gepackt, seine Hemden gebügelt, Socken sortiert wie blöde. Wie er es wollte. So, wie es sich gehört. Selbst diese neuen Boxershorts hab ich fein zusammengelegt. Mehr geht nicht.
Was Manfred dazu sagt?
Nichts. Gar nichts. Wie denn auch? Midlife ist angesagt. 
Verstehst du nicht?
Dachte ich mir. Mitternacht ist längst vorbei und der ist immer noch nicht in seinem Bett. Das ist Midlife. 
Wo er ist?
Fitnessstudio oder Tennis, was weiß ich denn? Mich geht das doch nichts an, sagt er, und schon gar nicht seine Geschäftsreisen. München, Hamburg, Berlin und Frankfurt. Ein ganz neues Outfit und Duftwasser hat er sich zugelegt, Hemden nicht mehr von P & C, sondern von diesem Laden in der MyZeil. Der stellt sich doch tatsächlich mit den Kids vor den Eingang mit den Sixpack Beachboys, um sich das Zeug zu beschaffen. Was sagst du dazu, Pastorchen? Fast fünfzig Jahre alt und wartet geduldig in der Schlange, wo allerhöchstens mal Papas für ihre Kleinen Mitbringsel besorgen, zum Beispiel T-Shirts oder Hemden mit diesem Label. Frei wie ein Vogel. So weit ist es mit ihm gekommen.
MyZeil kennst du nicht?
Woher auch? Macht ja nichts. 
Neuerdings zieht es ihn auch in Diskotheken. Wahrscheinlich nicht alleine. Interessiert mich gar nicht, mit wem er sein Spielchen treibt. Mit mir jedenfalls nicht mehr. 
Meine Phantasie geht mit mir durch? 
Stimmt, geht sie, doch anders, als du es dir vorstellen kannst.
Durststrecke im Leben? Gute und schlechte Tage?
Hör auf mit diesem Durchhaltequatsch, kleiner Pastor. Du machst es dir einfach, stellst dich auf die Kanzel und schaust in fromme Gesichter. Nichts gegen deine Predigten, doch die sind in den Wind gesprochen. Du hörst auch nicht, wie sie übereinander herziehen, hinterher, wenn sie das Gotteshaus verlassen, wo du Nächstenliebe predigst. Wer weiß, was sie über mich reden. Und weißt du, was mir klar geworden ist? Am Sonntag in der Kirchenbank knien und in das ewige Licht glotzen bringt mir nichts. 
Glotzen ist zu heftig?
Na gut, nehme ich zurück. Verklärt gucken trifft es auch. Ich jedenfalls nicht mehr. Und was ich dir schon immer sagen wollte: Dein Landfrauenverein ist nicht meine Welt. Radeln für einen guten Zweck hört sich zwar als Aufhänger im Blättchen gut an, doch das geht auch ohne mich. Und Kuchen backen für den Missionsbasar können sowieso andere besser. Ich bin keine Landfrau. 
Vermitteln willst du, mit Manfred reden, ihn fragen, warum er in der Gegend herumturnt, anstatt in seinem Hause bei Holly? 
Vergiss es. Ich habe gearbeitet, wird er dir antworten. Lügen, alles Lügen. Frag ihn lieber, warum er sich diesen verdammten Stress macht. 
Du findest ihn ganz nett und glaubst ihm, dass er viel Arbeit hat? 
Eigenartig. Alle, die ihn nicht kennen, finden ihn okay und charmant. Naiv bist du, Sundermeier, kannst dir nicht vorstellen, dass er das Graue vom Himmel runterlügt. Was verstehst du von Midlife? 
Jetzt schweigst du. 
Es kommt noch schlimmer. Mit mir hat das nichts zu tun, hat der gesagt. Knaller, findest du nicht? Um sein Leben geht es, um nichts anderes. Das fließt ihm unter den Händen weg. Und er hat nur eins. Ja, ja. Leben will er endlich. Mit mir hat das gar nichts zu tun. Was sagst du dazu?
Ich soll nicht zynisch werden? Warum fragst du nicht, warum ich diesen Schwachsinn jahrelang ertragen habe? Ich bin nicht zynisch, nur entschlossen. Weißt du, was das heißt, Pastorchen? Ich hab auch nur ein Leben. Stell dir vor: Mit dem mach ich, was ich will.
Trotzdem noch ein Gespräch versuchen? 
Mach dich nicht lächerlich. Was glaubst du denn, wie viele Stunden ich am Fenster auf diesen Nichtsnutz gewartet habe? Und wie viele Seiten meine dicke Chinakladde dabei ertragen musste? Aus und vorbei. Ich weiß, was ich zu tun habe.
Nicht alles wegschmeißen? Ich könnte es bereuen?
Was denn? Wo nichts ist, kann ich nichts wegschmeißen und da gibt’s auch nichts zu bereuen. Und komm mir nicht mit Gottvertrauen. Den geht das schon mal gar nichts an. Der soll sich raushalten aus meinem Leben. Okay?
Der wird die Sache schon in die richtige Bahn lenken, meinst du?
Ha! Ha! Du bist ja hartnäckig. Das sehe ich wie die Courage. ‚Der Mensch denkt: Gott lenkt.’ Doppelpunkt anstatt Komma zwischen ‚denkt’ und ‚Gott’. Selbst die Dinge in die Hand nehmen, denn von ‚Gott lenkt’ kann keine Rede sein, sagt sie, die weise Courage.
Nie gehört? Brecht kennst du nicht? Auch gut. 
Bis der Tod …?
Das musste ja jetzt noch kommen, wusste ich es doch. Dein letzter Trumpf. Du ziehst aber auch alle Register. Mir ist schon klar, was du damit meinst. Ich weiß, was ich zu tun habe, bin frei wie ein Vogel. 
Du wirst für mich beten?
Wohlmöglich sogar in der Kirche. Ich höre sie schon tuscheln.


Die kleine Holly aus dem Neubaugebiet wirst du vermissen?
Ach, du bist ja süß. Ich dich auch. Good bye, Meierchen. Mein Taxi steht vor der Tür. Bei Sonnenaufgang werde ich im Flieger sitzen, sieben Stunden später in der U-Bahn nach Upper Midtown Manhattan und zum Frühstück bei Starbucks auf der Second.