Sonntag, 2. Juli 2017

Grenzorte

Tausendmal hatte er während all der schlaflosen Stunden von diesem Moment geträumt, Tag und Nacht das Liebeslied im Kopf: Milena, geliebte Milena. Auf der Fahrt von Prag hierher in diesen Ort an der Grenze bis zur letzten Sekunde die bange Frage. Wird es wahr werden? Wird der Zug aus Wien seine Liebste bringen? Er hatte sich schon vorgestellt, wie er unter den Aussteigenden zunächst diese kleine Frau im roten Seidenkleid, ihren lieblichen Lockenkopf und ihr unvergleichliches Lächeln entdecken würde, dann auf sie zueilen, ihr Gesicht in beide Hände nehmen, unentwegt in ihre Augen blicken, sie auf den Mund küssen, seinen Arm um sie legen, sie um das Bahnhofsgebäude herumführen, zusammen mit ihr die Gleise überqueren und Hand in Hand mit dieser geliebten Frau hinaus in das freie Feld gehen würde. 
Nun lagen sie nebeneinander auf der Spätsommerwiese, hörten aus einiger Entfernung das schwere Stampfen einer Dampflokomotive und beobachteten von ihrem Platz auf der leichten Anhöhe, wie schwarzer Rauch sich langsam in der blauen Weite auflöste.
„Hattest du eine gute Reise, Milena?“
„Ich konnte es kaum erwarten, dich wieder zu sehen, Frank.“
„Was hast du deinem Mann gesagt?“
„Er war gar nicht zu Hause.“
“Mal wieder?“
“Ernst und die Frauen, ein Kapitel für sich. Du kennst ihn doch.“
„Armer kleiner Engel, warum tut man dir das an?“
„In deiner Nähe bin ich reich, Frank.“
„Du gehörst geliebt, Milena, geliebt und behütet.“
Sein Gesicht über ihrem Gesicht, er konnte sich nicht satt sehen, so zauberhaft der Anblick. In diesen Augen versinken wie ein Kieselstein im Wasser, bis ganz tief unten in den weichen Sand auf dem Meeresgrund. So musste es bei der Mutter gewesen sein, als er ein kleiner Junge war. Aber er war ein fast vierzigjähriger Mann und Milena nicht seine Mutter. Sie war anders. Ein loderndes Feuer war diese Frau. Ihre Lippen süß wie dunkelroter Wein. Er konnte nicht aufhören sie zu küssen. Ihr gebräunter Körper bebte, als er ihr zaghaft das Kleid von der Schulter zog. Ganz nah wollte er ihr sein, eins sein mit ihr, halb wahnsinnig vor Verlangen. Ihre Hand in seinem Haar, so sanft, so unnachgiebig zärtlich, ihr Bein sich unter seinen Körper windend, dann ihr Becken, begehrend. Eng umschlungen bewegten sich ihre Körper und rollten ein Stück weit die Anhöhe hinunter bis zum Ende der Wiese. Sie stöhnte, drängte, wollte alles, wollte ihn. ‚Ich kann nicht’, hämmerte es wild in seinen Schläfen. Abrupt löste er sich aus ihrer Umarmung, setzte sich auf und vergrub den Kopf in den Händen.
„Ich kann nicht.“ Er versuchte, den quälenden Hustenreiz zu unterdrücken.
Milena war aufgesprungen und rückte ihr Kleid zurecht.
„Frank, ich möchte schreien. Wie soll ich das verstehen?“
„Verzeih mir, Milena, es ist meine Schuld.“
„Was redest du für einen Unsinn? Kein Wunder, dass du husten musst.“
Sie setzte sich neben ihn und strich mit der Hand über seinen Rücken, bis er wieder ruhig atmen konnte.
„Wovor hast du Angst?“
Vom Wiesenrand knickte er eine Kleeblume ab und drehte den Stiel in der Hand.
„Warum hab ich dich hinuntergezogen in diese Hölle?“
“Wie meinst du das?“
„Ich bin anders, Milena, fremd, bin mir ja selbst fremd. Das macht mir Angst.“
„Nein und noch mal nein, Frank. Mir bist du nicht fremd. Du bist mir so nah wie sonst niemand auf der Welt.“
„Ich weiß“, sagte er leise. „Du bist ja auch anders. Ein Schatz bist du, unvergleichlich wertvoll. Doch ich hätte dich nicht drängen sollen, hierher zu kommen.“
„Habe ich nicht selbst entschieden, diese Reise zu machen? Ich fühlte mich keineswegs von dir gedrängt. Doch vielleicht ist es meine Schuld. Bedränge ich dich zu sehr?  Macht meine Anwesenheit dich krank?“
„Milena, jetzt redest du aber Unsinn. Denk doch an unsere Wiener Tage, ein paar Wochen ist das erst her. War ich einen Moment lang krank in deiner Gegenwart?“
„Nein, dir ging es wunderbar. Tag und Nacht waren wir zusammen, sind stundenlang gelaufen. Berge, Wälder, Schatten und Sonnenschein. Wie schön das war. Kein einziges Mal hast du gehustet. Alles war so klar.“
„Ja, das war es, Milena, klar und schön.“
„Warum ist jetzt alles anders? Was ist passiert in den wenigen Wochen?“, fragte sie.
„Ich hätte Wien nicht verlassen sollen ohne dich, Milena. Warum habe ich dich nicht mitgenommen nach Prag?“
Sie legte das Kleid über die angewinkelten Beine und verschränkte die Arme vor den Knien.
„Du bist ein Träumer, Frank“, seufzte sie.
Vor seinen Augen drehte sich die Blume wie eine rote Kugel. Behutsam legte er sie auf die Wiese.
“Unsere Träume sind kalt geworden wie die Spätsommersonne“, sagte er und hatte auf eine Weise recht. Die Sonne war mit einer Wolke davongezogen. Kühle hatte sich im feuchten Gras ausgebreitet und streifte an ihren Körpern hoch. Ein Hauch von Herbst lag in der Luft, nach einem Sommer, der eigentlich der Anfang für einen neuen Frühling werden sollte.
“Es riecht nach Abschied“, sagte er traurig.
„Ich könnte heulen, Frank. Was macht uns so ratlos?“
„Der Kälte können wir nicht entfliehen.“ Er griff nach der Taschenuhr und klappte den goldenen Deckel auf.
„Warum haben wir keine Chance? Woher kommt die Kälte?“
„Woher nur?“ Er strich mit dem Daumen über das Ziffernblatt, klappte den Deckel zu und schob die Uhr zurück in die Hemdtasche. „Jedenfalls können wir nichts dagegen tun. Gehen wir zum Bahnhof. Wenn wir uns ein wenig beeilen, erreichst du noch den Abendzug nach Wien.“
Er stand auf, nahm ihre Hand und half ihr hoch. Dann gingen sie den Weg zwischen den Feldern zurück.
“Liebst du ihn, Milena?“
“Ich liebe dich, Frank.“
“Und morgen fährst du mit ihm an den Wolfgangsee.“
“Was sollte ich denn tun?“
„Ach, Milena! Du stellst Fragen.“
„Ich schreibe dir dann aus St. Gilgen.“
Schreibe mir nie mehr, wollte er sagen, schwieg aber und führte sie über die Gleise, um das Bahnhofsgebäude herum auf den Bahnsteig.


Kurzgeschichte aus: Grenzorte


Samstag, 11. März 2017

History


Hexen, Giftmischer, Rebellen, Literaten
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am Sonntag, den 12. März 2017


Holly und die Second



Pastor Sundermeier meint es ja gut, doch er kann mir nicht helfen. Was versteht der schon? Überlege dir gut, was du tust, Holly, hat er gesagt.
Da ist nichts mehr zu überlegen, Herr Pastor. Ich habe mir das gut überlegt und alles bestens vorbereitet. Es gibt keinen anderen Weg. Ich habe getan, was ich konnte. Immer treu zu ihm gehalten, ihm aus der Patsche geholfen, als er den Job verloren hatte, mich um den ganzen Scheiß in Haus und Garten gekümmert, geputzt, gewaschen, eingekauft, gekocht, jeden Morgen seine Sachen weggeräumt, Schuhe im Wohnzimmer eingesammelt, in den Schuhschrank gepackt, seine Hemden gebügelt, Socken sortiert wie blöde. Wie er es wollte. So, wie es sich gehört. Selbst diese neuen Boxershorts hab ich fein zusammengelegt. Mehr geht nicht.
Was Manfred dazu sagt?
Nichts. Gar nichts. Wie denn auch? Midlife ist angesagt. 
Verstehst du nicht?
Dachte ich mir. Mitternacht ist längst vorbei und der ist immer noch nicht in seinem Bett. Das ist Midlife. 
Wo er ist?
Fitnessstudio oder Tennis, was weiß ich denn? Mich geht das doch nichts an, sagt er, und schon gar nicht seine Geschäftsreisen. München, Hamburg, Berlin und Frankfurt. Ein ganz neues Outfit und Duftwasser hat er sich zugelegt, Hemden nicht mehr von P & C, sondern von diesem Laden in der MyZeil. Der stellt sich doch tatsächlich mit den Kids vor den Eingang mit den Sixpack Beachboys, um sich das Zeug zu beschaffen. Was sagst du dazu, Pastorchen? Fast fünfzig Jahre alt und wartet geduldig in der Schlange, wo allerhöchstens mal Papas für ihre Kleinen Mitbringsel besorgen, zum Beispiel T-Shirts oder Hemden mit diesem Label. Frei wie ein Vogel. So weit ist es mit ihm gekommen.
MyZeil kennst du nicht?
Woher auch? Macht ja nichts. 
Neuerdings zieht es ihn auch in Diskotheken. Wahrscheinlich nicht alleine. Interessiert mich gar nicht, mit wem er sein Spielchen treibt. Mit mir jedenfalls nicht mehr. 
Meine Phantasie geht mit mir durch? 
Stimmt, geht sie, doch anders, als du es dir vorstellen kannst.
Durststrecke im Leben? Gute und schlechte Tage?
Hör auf mit diesem Durchhaltequatsch, kleiner Pastor. Du machst es dir einfach, stellst dich auf die Kanzel und schaust in fromme Gesichter. Nichts gegen deine Predigten, doch die sind in den Wind gesprochen. Du hörst auch nicht, wie sie übereinander herziehen, hinterher, wenn sie das Gotteshaus verlassen, wo du Nächstenliebe predigst. Wer weiß, was sie über mich reden. Und weißt du, was mir klar geworden ist? Am Sonntag in der Kirchenbank knien und in das ewige Licht glotzen bringt mir nichts. 
Glotzen ist zu heftig?
Na gut, nehme ich zurück. Verklärt gucken trifft es auch. Ich jedenfalls nicht mehr. Und was ich dir schon immer sagen wollte: Dein Landfrauenverein ist nicht meine Welt. Radeln für einen guten Zweck hört sich zwar als Aufhänger im Blättchen gut an, doch das geht auch ohne mich. Und Kuchen backen für den Missionsbasar können sowieso andere besser. Ich bin keine Landfrau. 
Vermitteln willst du, mit Manfred reden, ihn fragen, warum er in der Gegend herumturnt, anstatt in seinem Hause bei Holly? 
Vergiss es. Ich habe gearbeitet, wird er dir antworten. Lügen, alles Lügen. Frag ihn lieber, warum er sich diesen verdammten Stress macht. 
Du findest ihn ganz nett und glaubst ihm, dass er viel Arbeit hat? 
Eigenartig. Alle, die ihn nicht kennen, finden ihn okay und charmant. Naiv bist du, Sundermeier, kannst dir nicht vorstellen, dass er das Graue vom Himmel runterlügt. Was verstehst du von Midlife? 
Jetzt schweigst du. 
Es kommt noch schlimmer. Mit mir hat das nichts zu tun, hat der gesagt. Knaller, findest du nicht? Um sein Leben geht es, um nichts anderes. Das fließt ihm unter den Händen weg. Und er hat nur eins. Ja, ja. Leben will er endlich. Mit mir hat das gar nichts zu tun. Was sagst du dazu?
Ich soll nicht zynisch werden? Warum fragst du nicht, warum ich diesen Schwachsinn jahrelang ertragen habe? Ich bin nicht zynisch, nur entschlossen. Weißt du, was das heißt, Pastorchen? Ich hab auch nur ein Leben. Stell dir vor: Mit dem mach ich, was ich will.
Trotzdem noch ein Gespräch versuchen? 
Mach dich nicht lächerlich. Was glaubst du denn, wie viele Stunden ich am Fenster auf diesen Nichtsnutz gewartet habe? Und wie viele Seiten meine dicke Chinakladde dabei ertragen musste? Aus und vorbei. Ich weiß, was ich zu tun habe.
Nicht alles wegschmeißen? Ich könnte es bereuen?
Was denn? Wo nichts ist, kann ich nichts wegschmeißen und da gibt’s auch nichts zu bereuen. Und komm mir nicht mit Gottvertrauen. Den geht das schon mal gar nichts an. Der soll sich raushalten aus meinem Leben. Okay?
Der wird die Sache schon in die richtige Bahn lenken, meinst du?
Ha! Ha! Du bist ja hartnäckig. Das sehe ich wie die Courage. ‚Der Mensch denkt: Gott lenkt.’ Doppelpunkt anstatt Komma zwischen ‚denkt’ und ‚Gott’. Selbst die Dinge in die Hand nehmen, denn von ‚Gott lenkt’ kann keine Rede sein, sagt sie, die weise Courage.
Nie gehört? Brecht kennst du nicht? Auch gut. 
Bis der Tod …?
Das musste ja jetzt noch kommen, wusste ich es doch. Dein letzter Trumpf. Du ziehst aber auch alle Register. Mir ist schon klar, was du damit meinst. Ich weiß, was ich zu tun habe, bin frei wie ein Vogel. 
Du wirst für mich beten?
Wohlmöglich sogar in der Kirche. Ich höre sie schon tuscheln.


Die kleine Holly aus dem Neubaugebiet wirst du vermissen?
Ach, du bist ja süß. Ich dich auch. Good bye, Meierchen. Mein Taxi steht vor der Tür. Bei Sonnenaufgang werde ich im Flieger sitzen, sieben Stunden später in der U-Bahn nach Upper Midtown Manhattan und zum Frühstück bei Starbucks auf der Second.

Donnerstag, 16. Februar 2017

Angie und Al


Als sie die schwere Holztür öffnete und hineinging, sah sie wieder die traurigen Gesichter. Für einen Augenblick wandten sie sich ihr zu. Doch inzwischen hatte jeder hier kapiert, dass billige Anmache bei ihr nicht ankam und sie richteten ihre Blicke gleich wieder auf die attraktive Wirtin, die das Bier zapfte und ihnen die Drinks auf die Theke stellte.
Ein Hauch von Wehmut stieg in ihr hoch, als sie sich auf den Barhocker setzte. Alina dachte an ihren Mann. Der konnte jetzt gemütlich auf dem Sofa liegen und fernsehen, inzwischen mit einer neuen Frau an seiner Seite. Doch wollte sie tauschen? Nein. Die dörfliche Idylle vermisste sie nicht. Sie war stolz auf ihre kleine Wohnung in der Stadt. Dafür nahm sie in Kauf, dass ihr abends schon mal die Decke auf den Kopf fiel. Die Eckkneipe bot eindeutig die bessere Lösung als das Sofa.
„Wein?“, fragte die Wirtin mit einem kurzen Blick.
Alina nickte und schaute in die Runde. Da stand einer mit einem auffallend roten Hemd, den sie dort noch nie gesehen hatte. Auch er schaute sehnsüchtig, doch verglichen mit den müden Augen seiner Nachbarn lag in den seinen ein Strahlen. Er hatte weiche Gesichtszüge und lächelte zu ihr hinüber. Sie musste immer wieder hinschauen. Langsam kam das Lächeln näher, bis der Mann sein Weinglas neben das ihre stellte. Im ersten Moment war sie etwas erschrocken, doch dann spürte sie eine Welle von Sympathie. Ihr gefiel das geschwungene Blumenmuster auf seinem Seidenhemd und sie entdeckte, dass er sogar Make-up aufgelegt hatte, seine langen Wimpern waren sorgfältig geschminkt. Ein seltsamer Typ. Doch niemand hier schien an seinem Outfit Anstoß zu nehmen.
„Was ist normal?“, fragte er.
Konnte er in ihren Gedanken lesen?
„In meinem Dorf wäre das nicht normal.“ Sie lächelte verlegen.
„In Ihrem Dorf?“
„Da könnten Sie nicht wie ein Paradiesvogel am Tresen stehen.“
„Stadtluft macht frei. Schon im Mittelalter wusste man das“, lachte der Mann und erhob sein Glas. „Lass uns auf die freie Luft trinken. Ich heiße Angelo“, fuhr er fort und schenkte ihr einen unwiderstehlichen Blick aus seinen blauen Augen.
„Alina.“
Angelo war noch näher gerückt. Sie wehrte sich nicht, als er seine Hand auf ihren Oberschenkel legte.
„Deine Dorfleute finden  es auch nicht normal, wenn eine junge Frau spätabends in der Kneipe mit einem Paradiesvogel Wein trinkt“, sagte er. 
„Außer beim Maskenball“, überlegte Alina. „Am kommenden Samstag in der Turnhalle.“
„Ich wette, du gehst hin.“
„Und niemand wird mich erkennen.“

Alina und Angelo redeten noch lange miteinander an diesem Abend. Sie erzählte von ihrer Arbeit in der Grundschule, er sprach über die Sportredaktion bei der Lokalzeitung. Sein Lieblingsthema aber waren Boutiquen für edle Kleidung und seidene Unterwäsche. Da kannte er sich bestens aus. Sie fand das prickelnd.

Am Samstagabend stellte sie das Auto auf einem spärlich beleuchteten Parkplatz ab. Sie wollte nicht erkannt werden. Mit Blick in den Spiegel rückte sie die rote Krawatte auf dem schwarzen Hemd zurecht. Die langen Haare hatte sie unter dem Hut verschwinden lassen. Sie zog ihn bis über die Augen. Dann stieg sie aus und strich die Anzughose glatt.
Ihr Herz hämmerte, als sie dem Eingang näher kam. Da saß Otto vom Turnverein und verkaufte ihr die Eintrittskarte. Er schaute sie prüfend an, aber erkannte sie nicht. So konnte sie ganz unbesorgt in das närrische Treiben eintauchen. Erstaunlich, wie entspannt sie als Mann alles betrachten konnte. Da waren aufgeregt schwatzende Cleopatras, Spinnenweiber und Cocktail Bunnies am Tisch der Landfrauen, bekannte Gesichter darunter. Am Nebentisch tummelten sich die Hexen und Mönche vom Gesangverein, auch in diesem Jahr wieder maskiert. Sie könnte sogar eine der Fratzen zum Tanz auffordern. Doch nach Hexentanz war ihr nicht.
Langsam ging sie weiter. Ein mit Pailletten verziertes Dekolletee fiel ihr in die Augen. Es gehörte zu einer schwarzen Grazie, die lässig an der Theke lehnte. Silberfransen an fließendem Seidenstoff machten jede Bewegung der wohlgeformten Beine mit. Unter der dunklen Lockenpacht funkelten lange goldene Ohrhänger. Alina wurde unwillkürlich in ihre Richtung gezogen und blieb neben der rassigen Schönheit stehen. Im gleichen Moment hatte sie ein Glas Sekt in der Hand.
„Al Capone in Nadelstreifen.“ Das war die vertraute Bassstimme. Ebenso unverkennbar die geschwungenen Wimpern im kunstvoll geschminkten Gesicht.
„Nenn mich Angie.“
„Ich bin Al“, prustete Alina.
„Alles normal“, sagte Angie, beugte sich ein wenig hinunter und drückte Al einen knallroten Schmatz auf den Mund. Ihre blauen Augen strahlten und lächelten verschmitzt.
Al trank das Glas leer.
„Komm mit, Angie!“ Er zog seine Black Lady auf die Tanzfläche. Sie standen voreinander. Tanzhaltung war angesagt. Lange probierten sie, bis er Angies Hand in seiner Linken hielt und seine Rechte in der richtigen Position auf ihrem Rücken lag.
„Wer tanzt den Männerschritt?“, fragte er unsicher.
„Der Mann. Wer sonst?“ Angie lachte schallend.
Klar, doch so einfach war das nicht. Links rechts tadam oder rechts links tadam, überlegte Al.
„Beim Foxtrott beginnt der Herr mit links“, half ihm Angie.
Schon nach den ersten Schritten schob Al gekonnt seine Dame über die Fläche. Er schaute zu ihr hoch und stellte befriedigt fest, dass sie Oberkörper und Kopf weit nach hinten beugte. Die Rechtsdrehung, die Linksdrehung, auseinander und wieder zusammen. Sie tanzten, als hätten sie das einstudiert. Selbst der Tango gelang. Al zählte leise mit: eins…zwei…drei vier fünf…sechs sieben acht und eins… Er musste nur leicht die Finger bewegen, schon wusste seine Tanzpartnerin, was sie zu tun hatte. Beim Walzer wirbelten sie in großen Kreisen an den Tischen vorbei. ‚Alles normal, ihr Spießer’, dachte Al und registrierte gelassen, wie viele Augenpaare auf sie gerichtet waren.
Als Angies Make-up zu zerfließen begann und sein Bartschatten sichtbar wurde, verloren sie nicht viele Worte. Hand in Hand gingen sie zum Parkplatz.


‚Niemals will ich Spießer werden’, dachte Alina, als sie in Begleitung von Angelo mit dem Fahrstuhl in den vierten Stock fuhr. So ein Appartement in der Stadt hatte doch eine Menge Vorteile.

(2006)

Montag, 28. November 2016

Bowl for one



Es beginnt zu dämmern. Sofastündchen. Träumen, über die Häuser der kleinen Stadt hinweg bis zum Horizont, wo die untergehende Sonne gerade einen lilarotblauen Schimmer zurück gelassen hat. Irgendwo in weiter Ferne geistern die zwei, ganz eng beieinander, schauen hinüber zu ihr. Klara und Rudi. Weißt du noch, Monika? Wie aus einem Mund. Sie lächelt zurück.
Klar weiß ich noch. Immer wieder fragt ihr das. Und immer wieder erzähle ich es euch. Hier im Häuschen auf dem Schlossberg hatten wir einen schönen großen Tannenbaum mit Kerzen, dicken roten Kugeln und bunten Päckchen darunter. Wenn es zu dämmern begann, kam eure Vorlesestunde. Gianni saß oben bei euch im Sofa, rechts die Oma, links der Opa, und hörte die Geschichte von dem kleinen Jungen und der abenteuerlichen Schlittenfahrt über die Weihnachtswiese zum Mond. Er konnte es doch gar nicht abwarten, bis Sunny und ich hier unten alles vorbereitet hatten, es dunkel wurde, das Glöckchen klingelte und er das Treppengeländer runterrutschen konnte. Bis in die Haarspitzen aufgeregt stand er vor dem Lichterbaum. Was hatte das Christkind ihm gebracht? Doch bevor er nach den Päckchen schauen durfte, las Oma die Weihnachtsgeschichte vor. Von den fünf Hirten, denen auf dem Feld ein Engel erscheint und sie auffordert, dem Stern über Betlehem zu folgen, extra für ihn neu aufgeschrieben. Dann nahm Opa seine Gitarre und stimmte das Lied vom Kind in der Krippe an und gemeinsam sangen wir fünf von der großen Freude bei den Tieren im Stall. Wenn Gianni dann endlich auspacken durfte, verkroch er sich mit seinen Geschenken in der Sofaecke und spielte, bis ihm die Augen zufielen. Wir vier Erwachsenen konnten uns in Ruhe dem Weihnachtsmenü widmen.
So ging das Jahr für Jahr und jetzt bin nur noch ich hier.
Sunny?
Nun, ich bin ja geduldig und erzähle euch auch die Geschichte noch mal und immer wieder. Es wurde für ihn schwierig eine Arbeit zu finden und der Schlossberg war dann doch nicht seine Welt. Er konnte die kleine Bar seines Bruders in Palermo übernehmen. Ja, genau die auf der Via Roma in der Nähe der Kathedrale, in der ich ihn seinerzeit beim Cappuccino kennengelernt hatte und wir immer wieder unser Lied hörten. 
Gianni?
Verdammt schwere Zeiten waren das, nachdem er zu seinem Vater nach Sizilien gegangen war. Der kann nun seine Hilfe sehr gut gebrauchen, vor allem in der Saison.
Einsam heute?
Nein, nein, ihr lieben Fragegeister. Mein Bäumchen steht schon im Wintergarten, mit vielen bunten Kleinigkeiten daran und Stern in der Spitze. Wenn es nachher dunkel wird, werden die Lichter zu euch hoch leuchten. Wir werden uns zuwinken.
Danach gibt es mein Highlight, das Weihnachtsmenü. Diesmal habe ich was ganz Besonderes vorbereitet. Bowl for one, nenne ich es. Nach einem rote Beete Süppchen mit Ingwer und Cashewcreme gibt es eine Bowl. Was das ist? Meine Bowl ist ein grünes Schüsselchen, in dem alles schön verteilt wird, Feldsalat mit Orangen Walnuss Dressing, fein gewürzte Süßkartoffelecken aus dem Backofen, Lupinenbraten mit Mandelsoße und Topping aus Sprossen, gerösteten Kokoschips und schwarzem Sesam. Zum Dessert gönne ich mir eine Kombination aus Schoko- und Vanillemousse mit Himbeeren obendrauf und zum Espresso gibt es ein Marzipantörtchen, bestreut mit Zucker und Zimt.
Der Weihnachtsabend klingt dann aus mit unserem Lied. Ihr kennt es doch: „Sunny, yesterday…“.
Morgen gibt es den Weihnachtsbrunch bei Inge und Heiner.
Ach ja, und im Frühjahr reise ich wieder nach Palermo.







Mittwoch, 12. Oktober 2016

Novemberblues




Auf dem Weg über den Parkplatz flatterten mir die Blätter um die Beine, schön bunt, doch gar nicht lustig, verbesserten meine Laune keinesfalls. Die war nämlich grauer als grau. Dunkelstgrau. Der Blues. Ja, das war er, ließ sich nicht abschütteln. Andere hatten wenigstens um diese Jahreszeit einen Dämon, ich hatte nur diesen Blues in allen möglichen Facetten, musste jetzt womöglich wieder wochenlang mit ihm herumlaufen, mal dem Wetter-Geht-Mir-Auf-Den-Keks-Blues, dann dem Ist-alles-nicht-mehr-wie-früher-Blues und eben in diesem Moment mit dem Erinnere-mich-nicht-an-den-Tanz-Blues. Niemandem hatte ich die Gruselstory erzählt, mir würde sie ohnehin niemand glauben. Wie ich nur so dusselig sein konnte und dieser Ausgeburt von Raffinesse auf den Leim gehen, der Frau, die überhaupt nicht tanzen konnte und wie ein hölzernes Gerät über die Fläche geschoben, gezogen und gezerrt werden musste, selbst beim allereinfachsten Blues. Dieses Tanzgerät entpuppte sich als hinterlistiges Miststück, wollte mir weismachen, mich aus einem früheren Leben zu kennen, erzählte mir was von einem weißen Schimmel, den ich abends unter einer Weide am Fluss abgeholt hätte und auf dem ich fortgeritten wäre und behauptete, am Ende der Straße zu wohnen. Dort war jedoch kein Haus, wie ich eigentlich hätte wissen müssen, ich Depp. Und mir war es noch immer ein Rätsel, mit welchen Mitteln sie es geschafft hatte, mich an der Nase herumzuführen. Also, am Ende der Straße war nämlich der Friedhof. Dahin hatte sie mich gelockt, mitten in der Nacht. Naiv, wie ich war, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, auf das Gräberfeld zu schleichen, natürlich bei Vollmond, versteht sich. Über der Leichenhalle stand der und warf einen riesigen Schatten auf den Weg zwischen den Bäumen. Und da! Ich traute meinen Augen nicht. Vor dem Portal wartete schon ebendiese Bluestanzfrau auf mich, fixierte mich mit saugendem blauem Blick und schwebte auf mich zu. Wahnsinnig verlockend sah sie aus in dem sachte wehenden, silbrigglänzenden Gewand. Ihr Lächeln war hinreißend.
„Da bist du ja endlich“, flüsterte sie. „Wie ich mich nach dir gesehnt habe!“
Ein kalter Hauch berührte mich, als sie die Hände nach mir ausstreckte.
„Warum bist du hier?“, stotterte ich.
„Deinetwegen.“
Ich verstand nichts mehr.
„Von weit her bin ich gekommen.“
„Aber wir haben doch gerade erst miteinander ...“
„Ja, ja“, hauchte sie. „Es war so schön.“
„Ich verstehe nicht.“
„Lass uns fliegen.“
„Wie das denn?“
Mir wurde schwummerig. Wäre ich doch niemals hierher gekommen, auf diesen Gottesacker!
„Fliegen. Nur wir zwei“, fuhr sie fort.
„Du bist doch tot, sonst könntest du nicht … sonst wärest du nicht hier.“
Oder doch? Mich schauderte. Ich wollte weglaufen, kam aber nicht von der Stelle.
„Ich sehne mich nach deiner Wärme.“
Ganz leise war ihre Stimme.
„Umarme mich.“
Ich ging einen Schritt zurück.
„Drück mich an deinen Körper, bitte“, flehte sie und kam näher.
„Ich kann nicht.“
„Doch, du kannst.“
„Lass mich gehen!“, wehrte ich ab.
„Warum willst du vor mir fliehen?“
„Ich bin noch nicht so weit.“
„Begreife doch, mein Liebling.“
„Was soll ich begreifen?“
„Ich will dich nicht hinüberziehen. Du kommst freiwillig.“
„Nein, es geht nicht.“
„Wir werden glücklich sein.“
„Nein!“
„Lieben will ich dich, damit du nicht mehr traurig bist.“
„Was meinst du?“
„Nur ab und zu. Dann bin ich auch nicht mehr traurig.“
„Nein, nein. Ich muss jetzt gehen.“
Ich tastete mich rückwärts. Voller Sehnsucht sah sie mich an, folgte mir mit ausgestreckten Armen und ihrem unwiderstehlichen Lächeln. Je schneller ich mich fortbewegte, desto näher kam sie. Ich wagte nicht, mich wegzudrehen und ging Schritt für Schritt weiter, so schnell ich konnte, bis mein pochender Schädel an etwas Hartes stieß.
Das Friedhofstor.
Das verdammte Weib aus jener Sommernacht verfolgt mich doch noch immer, dachte ich.
Dabei kannte ich die Bluestanzfrau inzwischen ganz anders. Vom Esoteriktrip hatte ich sie heruntergeholt und sie hatte mir beigebracht, wie ich auch mit einer unbegabten Tänzerin Blues tanzen konnte.
Ich ging durch die Blätterallee, den Weg zwischen den Gräberreihen, den meine Beine schon fast automatisch machten, mit oder ohne die gelbe Gießkanne, denn gelb mochte sie, die üblichen grünen lehnte sie ab. Heute bei dem useligen Wetter also ohne Gießkanne. Am Wasserbecken vorbei nach links, drei Gräber weiter, dann wieder nach links zum weißen Marmorgrabstein mit dem Bild, oval gerahmt, wie sie es gewünscht hatte, nach ihren Vorgaben über dem dunkelgrauen Schriftzug platziert. Ja, die weißhaarige Frau da auf dem Foto war sie, wie sie leibte und lebte, hatte ja nur noch mich, ihren Augenstern, so nannte sie mich oft, das Beste, was ihr in ihrem Leben passieren konnte, das Allerbeste, ihr Eins und Alles. Ihr Lächeln sollte mir erhalten bleiben, ein Lächeln, das nie vergehen würde. Nur für mich. Unwiderstehlich.
„Wie läufst du denn wieder herum, Junge? Ohne Jacke. Du wirst dich erkälten. Zieh dich beim nächsten Mal warm an. Denk auch an den Schal. Du weißt doch, die kalte Jahreszeit hat’s in sich.“
„Ja, Mama.“
„Und deine Haare. Wie das aussieht! Geh mal wieder zum Frisör.“
„Jaha.“
„Gegessen hast du auch noch nichts. Ich sehe es dir doch an. Wie oft muss ich dir das noch sagen? Du treibst Raubbau mit deiner Gesundheit. Kein Gramm zugenommen hast du seit dem letzten Mal, eher sogar abgenommen, so blass, wie du wieder bist. Wann wirst du endlich erwachsen?“
Ich hatte ausgiebig gefrühstückt, mit Lachs, Käse, Schinken, Gürkchen, Tomaten, Radieschen und einem traumhaften Müsli. Nicht allein. Und das würde ich jetzt immer so machen. Immer so, wie ich das wollte. Genau so. Doch das musste ich ihr ja nicht erzählen.
„Schau, Mama, heute zünde ich drei Kerzen für dich an, damit du dich freust, okay?“
Sie blieb stumm.
„Dann bis zum nächsten Mal, Mama.“
Auf dem Weg zum Auto wurde der Grablichterblues in meinem Kopf immer leiser, bis er gar nicht mehr zu hören war.

Aus der Sammlung: Wenn wir von Liebe reden

Freitag, 7. Oktober 2016

Rebellen


Friedich Schiller porträtiert von Ludovike Simanowiz im Jahr 1794

Rebellen
(Schubart und Schiller auf der Festung Hohenasperg - 1782)

Nachdem der Wachsoldat die schwere Eisentür geöffnet hatte, erhob sich Schubart von seinem Lager und schlurfte leicht taumelnd zum Ausgang. Dann stand er auf dem Hof der Festung und blinzelte in das grelle Sonnenlicht. Die Kinder hatten bei seinem Anblick ihr ausgelassenes Spiel unterbrochen und beobachteten ihn aus einiger Entfernung. Kein Wunder, dass sie Angst vor ihm hatten, fühlte er sich doch selbst wie ein Ungeheuer, seitdem er hier gefangen gehalten wurde.
Er wankte über den Platz und blieb einen Moment lang im Schatten der alten Linde stehen, die Beine machten ihm zu schaffen. Es zog ihn um das Kasernengebäude herum auf den Wall. Dort würde er ungestört sein, hinter dem Turm mit dem Kerkerloch, seinem ersten Domizil hier auf dem Asperg, wo sie ihn weggesperrt hatten wie ein Stück Vieh im Käfig. Sechs Schritte hin, sechs Schritte zurück, Stunde um Stunde, dreihundertsiebenundsiebzig Tage und Nächte in Dunkelheit und modrig faulem Gestank. Gefangner Mann, ein armer Mann.
Doch immer noch war er nicht tief genug gefallen und musste dieses verpfuschte Leben weiter ertragen. Keuchend stieg er die Treppe hinauf auf das Plateau. Von hier aus ging der Blick auf grüne Weinfelder und idyllische Ortschaften. Freiheit, doch nicht für ihn. Er beugte sich über die Brüstung, tief hinunter ging es da. Könnte er sich doch einfach fallen lassen in diesen Abgrund, Erlösung für die Ewigkeit hätte er dann. Worauf wartete er? ‚Los, Schubart. Sei doch noch einmal mutig, ein allerletztes Mal’.
Nein, selbst dazu war er zu schwach. Helene und die Kinder kamen ihm in den Sinn. Irgendwo dort hinter dem Horizont warteten sie auf seine Freilassung, den fünften Sommer jetzt schon. Er konnte es sich immer noch nicht verzeihen, dass er trotz Helenes böser Vorahnungen leichtsinnig dem teuflischen Despoten in die Falle gegangen war. Wie hatte seine Frau ihn beschworen in der letzten gemeinsamen Nacht.
‚Ich weiß nicht, wie mir ist, Christian. Fahr nicht mit dem Amtmann nach Blaubeuren. Bleib in Ulm’.
Er setzte sich auf eine Mauer und wünschte, er könnte die Zeit zurückdrehen, Helene würde neben ihm sitzen und er könnte den Kopf an ihre Schulter legen. Hätte er nur dieses eine Mal auf sie gehört! Alles zu spät.
„Ich weiß nicht, wie mir ist, Helene“, schluchzte er und Tränen rieselten in seinen Bart.

Als er eine Weile so gesessen und vor sich hingebrütet hatte, hörte er Schritte. Ein großgewachsener Jüngling stapfte den Hügel hinauf und kam auf ihn zu. Seine Haare glänzten rötlichgolden im Sonnenschein. Schubart erkannte gleich das herzerfrischende Lächeln des Regimentsmedikus, Verfasser der Räuber, mittlerweile bekannt bin in den letzten Winkel.
„Schiller“, rief er. „Das ist eine Überraschung. Ist Er den langen Weg von Stuttgart hierher gewandert?“
Der junge Mann setzte sich neben ihn auf die Mauer und wischte sich mit dem Hemdärmel den Schweiß von der Stirn.
„Da staunt Er, was? Von der Wache habe ich erfahren, dass Er sich am Belvedere aufhält, einen wirklich schönen Ausblick hat Er hier.“
„Aber keine Freude.“ Schubarts Stimme klang rau.
„Er sieht jetzt besser aus, als bei meinem Besuch im November. Nicht mehr gar so grau im Gesicht“, fuhr Schiller fort.
„Er will mir nur schmeicheln. Aber Er weiß ja nicht, wie einem Ausgestoßenen zu Mute ist. Ein kranker Mann bin ich. Zu schwach zum Leben, zu schwach zum Sterben. Und Er? Man hört einiges Gemunkel.“ Fragend schaute Schubart den jungen Dichter an.
„Er hat richtig gehört. Der Herzog hat mir verboten, künftig etwas ohne seine allerhöchsteigenhändige Zensur drucken zu lassen. Dass ich ohne Urlaub in Mannheim zur Aufführung der Räuber war, ist ihm verraten worden, die Weiber können’s Maul nicht halten.“
„Schreiben darf Er aber noch?“
„Er schreibt keine Komödien mehr, hat Serenissimus gedroht. Andernfalls lass ich Ihn auf die Festung setzen und Seinen Vater lass ich vom Brot bringen.“
„Und was will Er jetzt tun?“
„Nun, in der Pfalz habe ich dergleichen nicht zu fürchten.“
„Was will Er denn damit sagen?“
„Er muss nur verschwiegen sein.“
„Aber Schiller.“
„Nun, da ist meine Bekanntschaft mit Dalberg. Ich habe Aussicht, Theaterdichter in Mannheim zu werden.“
„Hofpoet. Dann könnte der fürstliche Landesvater Ihn ja entlehnen wie den italienischen Hofpoeten kürzlich, eine Menge Gulden hat er dafür gezahlt. Nur, dazu müsste Er nicht Schiller heißen, sondern Schilleri oder noch besser Schillerieri.“
„Und französisch parlieren, nicht etwa deutsch wie ‚deutlich’“, fiel Schiller ein. „Aber Scherz beiseite, mit dem Herzog ist nicht zu spaßen.“
„Selbst im Ausland ist Er vor nicht sicher vor Verfolgung. Schau Er mich an.“
„Ach, Schubart, ich schau Ihn ja schon die ganze Zeit an. Das Unrecht hier auf dem Asperg muss ein Ende haben. Seine Chronik, Er hat doch nur die Wahrheit gesagt. Ein Meister des Wortes ist Er und hier eingekerkert und mundtot gemacht. Alles gewagt hat Er. Sieh Er hier.“ Schiller zog ein gedrucktes Schriftstück aus der Hemdtasche. Dann rezitierte er weit ausholend mit großem Pathos in die liebliche Landschaft hinaus.
Da liegen sie, die stolzen Fürstentrümmer …“
Die Fürstengruft“, winkte Schubart ab. „Nichts als Ärger hat’s gebracht. Alles gewagt, alles verloren.“
„Fürstentrümmer“, wiederholte Schiller mit Nachdruck. „Ich trage sie überall bei mir. Der Tyrann in seiner Gruft. Nicht nur Er hat diese Vision. Im ganzen Lande schätzt man seine Verse, nur die Obrigkeit nicht. Das menschliche Herz muss siegen.“
Das menschliche Herz. Eine Weile hingen beide Männer ihren Gedanken nach, bis der Gefangene unruhig wurde. Ein Wachsoldat war auf den Wall gekommen und schaute in die Ferne. Mit zitternden Händen zog Schubart eine silberne Taschenuhr aus der Rocktasche und hielt sie sich vor die Augen.
„Die Zeit ist um, lieber Freund, ich muss zurück hinter Schloss und Riegel.“
Schiller reichte dem Älteren die Hand und half ihm beim Abstieg auf den Festungswall. Langsam gingen sie im Schatten der hohen Mauern hinunter zum Tor.
„Ich hoffe, dass ich Ihn recht bald wiedersehe, Schubart. Aber in Freiheit. Wenn ich erst in Mannheim bin, sorge ich dafür, dass Er frei kommt.“ Das klang sehr zuversichtlich aus dem Munde des jungen Stürmers.
„Am besten schickt Er eine ganze Räuberbande auf den Asperg herauf.“ Schubart lachte bitter. „Nein, nein, Schiller. Sieh Er erst einmal selber zu, dass Er seine Haut rettet. Noch hat Er Träume.“
Lange hielten sie sich in den Armen, bis der junge Stürmer sich abwandte und mit festen Schritten die Festung verließ.


(Die kursiv formatierten Textstellen sind Zitate aus Gedichten von Christian Friedrich Daniel Schubart: Kaplied, Der Gefangene, Frage, Die Fürstengruft)

Aus der Sammlung: Wenn wir von Liebe reden


Mittwoch, 28. September 2016

Achtundvierziger






Achtundvierziger
(Mit der Zeitmaschine aus der Zukunft in das Jahr 1848)

Nebelschwaden waberten über den See und tauchten die kahlen Bäume der Uferpromenade in ein diffuses Novembergrau. Wir gingen den alten Leinpfad entlang, auf dem zu früheren Zeiten Pferde geführt wurden, um die Schiffe flussaufwärts zu ziehen. Der richtige Tag, um eine Reise in den Frühling zu machen. Mein Ziel war Frankfurt an einem Märztag zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, Krönung der Recherchen für meinen Roman, in dem es um die Liebesgeschichte eines Abgeordneten der Nationalversammlung mit einem Mädchen aus dem Volke gehen sollte.  Würde ich sogar den einen oder anderen Protagonisten des Jahres 1848 treffen, vielleicht Robert Blum davor warnen nach Wien zu gehen oder Friedrich Hecker zu mehr Vorsicht raten?
Jannis begleitete mich auf dem Weg zum Check-in im Seaside Center. Er hatte mir diese Reise zum dreißigsten Geburtstag geschenkt. Hand in Hand stapften wir durch die raschelnden Blätter.
„Wer hätte gedacht, dass sich die Technik so rasant entwickeln würde?“, sinnierte er. „Hast du gar keine Angst, Maleen?“
„Bisher ist doch noch jeder in seine Zeit zurückgekehrt.“
„Ganz wohl ist mir nicht bei dem Gedanken, dass du diese Reise allein machst. Es waren unruhige Zeiten damals. Ein falsches Wort kann böse Folgen haben.“
„Mein ängstlicher Liebling. In jenen Märztagen war die Stimmung in Deutschland so entspannt wie danach lange nicht mehr. Sei unbesorgt. Im Übrigen bin ich keine Revolutionärin.“
„Sondern eine junge Frau aus dem Volke, ich weiß. Dennoch kann es ohne männliche Begleitung gefährlich werden. Sei nicht zu…ich meine…“
„Kokett? Wo denkst du hin?“
Wir erreichten das Time Travel Terminal im Seaside Center.
„Machs gut, Maleen. Ich warte hier im Café auf dich.“
„Wenn dir langweilig wird, kannst du in der Zeitkapsel unter geriatric32 nachlesen, wie meine Großmutter die Erfindung des World Wide Web erlebt hat, 1994 war das.“
„Mach ich, Liebes, schon allein, weil du in dem Jahre geboren bist.“
Janis drückte mich an seine Brust, langer Abschiedskuss, heftiges Herzklopfen.

„Ihr Time Train geht in fünfundvierzig Minuten“, sagte die Dame und gab mir einen silbern glänzenden Chip, ‚ttt’ stand darauf.
„Ich bringe Sie in die Zeitschleuse“, sagte sie und führte mich in einen Raum, der wie die Umzugskabine einer Sporthalle wirkte. „Passende Kleidung finden Sie auf dem Kleiderständer. Verschließen Sie Ihre Sachen einschließlich Geldbörse, Armbanduhr und Communicator in dieser Box.“ Sie wünschte mir noch eine gute Reise und ließ mich allein.
Nachdem ich mich ausgezogen hatte, streifte ich zunächst eine weiße Leinenunterhose und ein Unterhemd über, ein bisschen groß, aber ich würde mich daran gewöhnen. Den langen braunen Rock hielt ich mit einem Gürtel auf der Hüfte. Darüber zog ich eine hübsche beigefarbene Leinenbluse und drapierte mir ein großes hellblaues Tuch um die Schultern. Die Box verschloss ich mit dem Chip und verließ mit Knöpfstiefeln an den Füßen die Zeitschleuse durch die andere Tür.
In diesem Raum wartete ein Mann mit ‚ttt’ Plakette an der Brust auf mich. Er überprüfte mein Outfit und war sichtlich zufrieden. Dann gab er mir einen kleinen Lederbeutel mit Schnüren und eine wunderbare altertümliche Taschenuhr.
„Dieses Gerät zeigt nicht nur die Uhrzeit an, sondern es ist auch ihr Navigationssystem für die Reise“, erklärte er.
Als ich meinen Chip in den Schlitz an der Seite des Uhrgehäuses steckte, leuchtete das Display auf. Ich befestigte den Lederbeutel am Gürtel und ließ die Uhr hineingleiten.
„Sind Sie bereit?“
„Ja“, antwortete ich mutig.
Er führte mich durch einen schmalen Gang, der in einer schwach beleuchteten Kabine endete, gerade groß genug für den schwarzen Sitz mit hohen, steilen Lehnen. Wie ein Käfig sah das Ding aus. Ich setzte mich hinein.
„Achtung!“ Im gleichen Moment wurde ich so heftig eingezwängt, dass ich mich keinen Millimeter mehr bewegen konnte. Meine Arme, Schultern und Beine wurden mit ruckartigen Bewegungen von allen Seiten fixiert. Unerträglich eng war es. Ich fürchtete eingequetscht zu werden. Dann bekam ich auch noch etwas über den Kopf gestülpt, das sich anfühlte wie ein Motorradhelm und sich langsam so eng um meinen Schädel schloss, dass es ihn zu zerdrücken drohte. Panik machte sich breit, das Atmen fiel mir schwer. Ich konnte nur noch den Mund bewegen und die Augen rollen, was ich auch ständig machte. Wie sollte ich hier jemals wieder heraus kommen? Ehe ich noch weiter darüber nachdenken konnte, begann der Sitz zu vibrieren, erst sachte, dann immer heftiger. Die Vibration ging in eine Drehbewegung über, rasend schnell rotierte ich, begleitet von psychedelischem Flackern in unbeschreiblich schneller Folge. Als ich dann auch noch wie in einer rasanten Achterbahnfahrt steil hinauf und im freien Fall hinunter befördert wurde, bei gleichzeitig unglaublich schneller Rotation, immer wieder, endlos lange, wurde mir kotzübel.

Eine Hand streckte sich mir entgegen und half mir hinaus. Ich konnte kaum stehen.
„Alles okay?“ Die Stimme gehörte zu einem gut aussehenden Mann mit dunklen, halblangen Haaren und ttt-Anstecker.
„Geht schon.“
„Folgen Sie den Anweisungen auf dem Display, dann kann nichts schief gehen.“
Der Ausgang führte in ein Dickicht aus Sträuchern und Bäumen. Nach einer halben Stunde verließ ich den Waldpfad und stand auf einer Anhöhe.
Meine Augen gewöhnten sich langsam an die helle Morgensonne. Frühlingsgrüne Wiesen und blühende Bäume breiteten sich vor mir aus. In einiger Entfernung lagen links und rechts des Flusses die Häuser der Stadt Frankfurt. Die beiden Ufer des Mains waren verbunden durch die majestätische Steinbrücke mit der markanten Bogenreihe, wie ich sie von historischen Abbildungen kannte. Auf dem Fluss wimmelte es von Dampfschiffen, Segelbooten und Kähnen. Menschen pilgerten von Anlegestellen her hinauf in die Stadt, wo der mächtige Turm des Domes in den strahlend blauen Himmel ragte.
‚10:16’, stand auf dem Display und darunter: ‚Jetzt haben Sie sechs Stunden und 44 Minuten zu Ihrer freien Verfügung’.
Siebzehn Uhr musste ich also zurück sein. Nachdem ich die Taschenuhr im Lederbeutel verstaut hatte, ging ich in östlicher Richtung auf einem holprigen Pfad und erreichte die ersten prächtig geschmückten Häuser. Es war eng auf dem Kopfsteinpflaster der Straßen und Gassen. Ich bewegte mich mitten im Strom der Menschen, wurde eingehakt, freundlich angelächelt und einfach mitgezogen. Die Stimmung war überwältigend. Freiheit lag in der Luft, Freude auf den Gesichtern.
Wir erreichten den Platz vor dem Römer. An den imposanten Gebäuden wehten schwarzrotgelbe Fahnen im Sonnenschein. Hier standen die Männer der Nationalgarde in ihren blauen, gold geschmückten Uniformen und die Jungen der Turnergarde ganz in Weiß mit breitkrempigen Hüten, bereit zum Spalier für den Zug der Abgeordneten.
Ich ließ mich mit treiben in Richtung Paulskirche, wo die klügsten Köpfe des Volkes für Demokratie und Pressefreiheit kämpfen würden. Vor einer Art Holzbühne versperrte mir eine Ansammlung von überwiegend jugendlichen Zuhörern den Weg. Ihre Augen hingen am Mund eines Redners, der mit seinen langen blonden Haaren und den ausdrucksvollen Augen nicht nur glänzend aussah, sondern mit einem Feuer sprach, dem auch ich mich nicht entziehen konnte.
„Er sieht aus wie Christus“, sagte eine Frauenstimme hinter mir.
„Hecker ist der Beste. Hecker, Hecker“, rief einer und alle stimmten ein.
„Das Heckerlied …“, tönte es in der Menge und im Nu war ein gemeinschaftlicher Gesang im Gange.
Eine Mandoline ertönte dazu.
Bei der zweiten Strophe konnte ich den Refrain mitsingen:
„Er hängt an keinem Baume,
Er hängt an keinem Strick,
Sondern an dem Traume
Der deutschen Republik.“
Viele begannen wie wild zu tanzen. Eine junge Frau nahm meine Hände und ich wirbelte glücklich mit, immer rundherum. Lauter wurde der Gesang, schneller der Takt. Es war wie ein Sog, der mich unwiderstehlich mitriss. Wir bekamen nicht genug vom Singen und Tanzen.
Urplötzlich durchfuhr es mich wie ein Blitz: Mein Lederbeutel war verschwunden. Ich erstarrte, suchte hektisch mit den Augen den Boden ab, befühlte Rock und Gürtel. Nichts.
„Was hat dir denn den Tanz vergällt?“, fragte ein junger Bursche mit Federhut.
„Mein Lederbeutel…verschwunden und meine...“
Er half mir beim Suchen und ging sogar mit mir den mühsamen Weg gegen den Menschenstrom zurück zum Römerberg. Es war aussichtslos. Wie sollte ich in diesem Gewirr von Beinen und Füßen mein Navigationsgerät finden? Die ganze Zeit redete der Federhütler auf mich ein, doch ich reagierte gar nicht mehr und irrte weiter durch die Menge.
Was sollte ich nur tun?
Wie von fremder Hand gezogen, ging ich den Weg aus der Stadt hinaus. Dabei suchte ich unentwegt den Boden ab. Das verdammte Ding blieb verschwunden. 
Die Sonne stand schon im Westen, als ich die Anhöhe hinaufging. Der Wald schien undurchdringlich. Ohne Orientierungshilfe würde ich niemals den Weg zurückfinden. Und kein Mensch weit und breit konnte mir helfen. Ich setzte mich auf einen Baumstamm und weinte.

Jemand klopfte mir ungeduldig auf die Schulter. „Hallo“, klang es hektisch an mein Ohr. Ich schaute hoch. Es war der hübsche Dunkelhaarige vom Timetrain, bekleidet mit brauner Hose und Leinenhemd.
„Hier, nehmen Sie.“ Er drückte mir meinen verlorenen Schatz in die Hand. „Kommen Sie schnell. Wenn wir uns beeilen, schaffen wir es.“
Wir hetzten los und atemlos erzählte er, wie ein Alarmsignal bei ihm angekommen und er in die Stadt gerannt wäre. Sein Navigationsgerät hätte ihn zu einem Burschen mit Federhut und meiner Taschenuhr in der Hand geführt. Plötzlich hätte das Ding so heftig vibriert, dass er es auf den Boden geschmissen und mit schreckgeweiteten Augen angestarrt hätte. Danach wäre der Bursche weggerannt.

„Und du konntest nicht verhindern, dass der böse Friedrich drei Wochen später in die Fänge seiner Verfolger geriet?“, fragte Jannis, nachdem ich ihm von meiner wunderbaren Rettung erzählt hatte.
„Hecker meinst du. Daran habe ich gar nicht mehr gedacht. Ohne Chip war ich nur noch verzweifelt“, musste ich beschämt zugeben.
„Man kann dich wohl doch nicht alleine so eine Reise machen lassen, Maleen“, meinte er. „Wenn du deinen Achtundvierziger Roman im Netz hast, reisen wir gemeinsam in die Neunundachtziger: ‚Wir sind das Volk’.“

(Die kursiv formatierten Textstellen sind Zitate aus dem „Heckerlied“, überliefert aus dem Jahre 1847.)

Aus der Sammlung: Wenn wir von Liebe reden


Bildquelle: Die Alte Brücke 1845 (Stahlstich von Jakob Ludwig August Buhl nach Vorlage von Jakob Fürchtegott Dielmann)